Ben Lamm: Warum die Biologie auf eine Singularität zusteuert
Wie KI, vergleichende Genomik, DNA-Synthese und künstliche Trächtigkeit das Leben programmierbar machen könnten.
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Die Biologie entwickelt sich von einer beobachtenden zu einer gestaltenden Disziplin. Ben Lamm, Mitgründer von Colossal, sieht in der Verbindung von synthetischer Biologie, künstlicher Intelligenz, Rechenleistung und Fortpflanzungstechnologie den Beginn einer neuen Phase. Ausgestorbene Arten zurückzubringen ist dabei nur der sichtbarste Anwendungsfall. Dieselben Werkzeuge sollen auch den Schutz heutiger Arten und das Verständnis biologischer Funktionen voranbringen.
KI als Übersetzerin der Forschung
Colossal setzte Sprachmodelle zunächst ein, um Laborbücher, Projektmanagement und Berichte miteinander zu verbinden. Lamm erwartet den größeren Nutzen nun in der wissenschaftlichen Literatur: Gene werden unterschiedlich benannt, Versuche verschieden klassifiziert und Ergebnisse lassen sich nicht immer reproduzieren. KI kann solche Unterschiede abgleichen, schwer auffindbare Zusammenhänge sichtbar machen und neue Experimente vorschlagen. Die Prüfung im Nasslabor bleibt dennoch notwendig.
Ein einzelnes Genom liefert noch keine belastbare Anleitung für ein gewünschtes Lebewesen. Entscheidend sind große Vergleichsdatensätze, die Sequenzen mit Merkmalen, Evolutionsgeschichte und Umweltbedingungen verbinden. Deshalb arbeitet Colossal an einem Netzwerk biologischer Archive. Für Lamm könnte der kuratierte Datensatz strategisch wertvoller sein als das allgemeine KI-Modell, das ihn auswertet.
Wenn Synthese das Editieren ablöst
Nach Lamms Angaben schafft Colossal regelmäßig mehr als 300 genetische Änderungen mit über 90 Prozent Effizienz und testet Verfahren für 1.000 Änderungen. Er warnt jedoch davor, diesen Fortschritt einfach fortzuschreiben. Bei großen Umbauten dürfte die direkte DNA-Synthese praktikabler werden als immer umfangreicheres Multiplex-Editing.
Innerhalb von weniger als zehn Jahren, so seine Prognose, könnten zentrale Phänotypen bestimmter Ausgangsorganismen gezielt festgelegt, genetisch erzeugt und ex utero entwickelt werden. Zudem hält er es für wahrscheinlich, dass Colossal innerhalb von 24 Monaten ein Säugetier vollständig außerhalb eines Muttertiers austrägt. Das sind angekündigte Ziele und Einschätzungen, keine bereits nachgewiesenen Ergebnisse.
Technik beantwortet nicht die ethische Frage
Bei der Auswahl einer Art betrachtet Colossal ihre ökologische Funktion, die Ursache ihres Aussterbens, ihre Rolle im Nahrungsnetz, die Haltung indigener Gemeinschaften und ihren Bildungswert. Lamm räumt ein, dass es dafür keine perfekte Formel gibt. Mit wachsender technischer Macht müssen Unternehmen, Regierungen und Öffentlichkeit entscheiden, welche Eingriffe vertretbar sind.
Auch nach der Geburt endet die Verantwortung nicht. Sozial lebende Säugetiere brauchen Gruppen, erlerntes Verhalten und geeignete Lebensräume. Colossal unterstützt laut Lamm deshalb Projekte zu Elefantenherden, Wanderkorridoren und sozialer Hierarchie. Diese Forschung soll heutigen Elefanten helfen und zugleich Erkenntnisse für mögliche künftige Mammutherden liefern.
Eine Sicherungskopie der Artenvielfalt
Lamms dringendste Forderung richtet sich auf den Erhalt dessen, was noch lebt. Er warnt vor einem massiven Verlust an Biodiversität in den kommenden 25 Jahren und hält Zoos oder gemeinnützige Organisationen allein für überfordert. Nötig seien staatliche Milliardeninvestitionen, internationale Zusammenarbeit und offene Infrastrukturen für Zellen, Genome und Begleitdaten.
Damit erscheint De-Extinction weniger als spektakuläres Endprodukt denn als Antrieb für eine umfassendere Aufgabe: biologische Vielfalt zu sichern, besser zu verstehen und eines Tages dort wiederherzustellen, wo es wissenschaftlich und gesellschaftlich verantwortbar ist.
Source
- Chaîne: Peter H. Diamandis
- Vidéo source: https://www.youtube.com/watch?v=VHg3oX1ytYQ